Buchkritiken (Sammlung)

Kritiken – Sammlung

Zwischen allen Stühlen

Dieses Buch -„Eselsfest“ ist eine Zumutung – inhaltlich wie formal. Es ist ein wichtiges Buch, ein Berlinroman und ein Lesegenuß. Klug und subtil werden die Themen einer Generation entfaltet, die auf Grund eines fehlenden Programms namentlich im öffentlichen Bewußtsein keine Rolle spielten. Die Protagonisten sind Vertreter der Zwischengeneration – die in den 50er Jahren geboren worden sind, noch zu jung, um die 68er Generation unmittelbar zu beerben und nicht jung genug, um Teil der Technogeneration werden zu können. Als der Punk aufkam drückte dieser vielleicht deren Lebensgefühl aus, aber sie waren schon zu alt und zu überqualifiziert, um sich die Haare bunt zu färben. Es wird das postheroische Leben des Philosophen Konstantin Escher erzählt, der als alleinerziehender Vater sich zeitweise mit Taxifahren über Wasser halten muß und dann als Professor einen Lehrstuhl in Köln bekommt – sein Sohn Sebastian ist mittlerweile erwachsen – seine Studenten von der Sinnlosigkeit eines Studiums überzeugen kann und sich über jede Exmatrikulation freut. Es ist erstaunlich, was die Autorin alles in ihrem Buch unterzubringen versucht und man kann sagen, daß ihr das im großen und ganzen auch gelingt. Wagners Walküre (Escher – die postheroische Version von Sigmund), Sennett, Gracian und Foucault werden verarbeitet. Die 68er sind in den Ministerien angekommen, die Zwischengeneration, die sich skeptisch zurückhaltend, nicht am Marsch durch die Institutionen beteiligte und ihre sexuelle Befreiung mehr im Privaten zu verwirklichen suchte und sich heute im Kitkatclub versammelt, tummelt sich zwischen den Zeilen dieses Romans. Der größte Verdienst von Christa Schmidt allerdings besteht darin, den durch den Feminismus diffamierten männlichen Blick wieder in seine Rechte eingesetzt zu haben, und sie kennt sich aus, ist vertraut mit der Materie. Die verhinderte Liebesgeschichte zwischen Escher und Alva (einer Übersetzerin) findet kurioserweise als nichtbewußte Inzestgeschichte ihren tragischen Ausgang und kann als Gleichnis für die Generation, die sich hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt, gelesen werden. Ein bischen schade ist, daß Alva, das weibliche Gegenstück zu Konstantin Escher, so sparsam beschrieben ist und konturlos bleibt – sie ist lediglich das unerreichbare Objekt von Eschers Begierde. Diese Buch ist eine Bereicherung des Buchmarktes, weil die Autorin die uneingelösten Themen der 68er aufgreift, für die die Technogeneration weder die Zeit noch die ausreichende Wahrnehmungsgabe besitzt. Es könnte ein Geheimtip für die „Zwischen-den-Stühlen-Generation“ werden. (A.N.)

Christa Schmidt „Eselsfest“ Knaus Verlag 36.90 DM

Karriere & Internet SM

Es gibt nichts, was es nicht gibt – dieser banale Spruch wird wieder einmal in seinem plausiblen wie simplen Wahrheitsgehalt bestätigt. Das Internet – das modernste aller Medien – scheint für alles, aber auch alles kompatibel. Vermeinten wir, daß die Jünger der SM-Praktiken sich in dunklen Kathedralen versammeln, in Leder und Lack ihren Neigungen frönen, so stellt sich heraus, daß es keinesfalls so sein muß. Für die virtuell-psychologische Komponente dieser sexuellen Selbstgestaltung bietet

das Internet gerade wegen der Anonymität und Virtualität optimale Voraussetzungen und findet – wie wir in Martha Baers Roman „Inez an (Francesca)“ erfahren – auch zunehmend Zulauf. Elaine, die Heldin des Romans, und sie ist „Heldin“ in einer geradezu klassischen Definition, stürzt kurz vor dem nächsten Höhepunkt ihrer Karriere buchstäblich ab. Dies geschieht allerdings nicht auf Grund eines Skandals, wegen ihrer nächtlichen Obsessionen, sondern – und das macht die intelligente Komposition dieses Romans aus – weil Elaine durch ein Versehen beim einloggen ihre Identität preis gibt, worauf hin sich ihre Domina ihr entzieht, sich einfach nicht mehr meldet, jeden Kontakt verweigert. Die Preisgabe der Identität führt im virtuellen Medium zwangsläufig zum Verlust derselben. Elaine, deren Codename im Net Francesca ist, besorgt sich buchstäblich Nacht für Nacht ihren Kick durch die Unterwerfung unter Inez, aus der sie gleichsam die Identität ihrer dunklen Seite, wie die schier unerschöpfliche Energie für ihre unaufhaltsame Karriere bezieht. Wie die griechischen Helden, glaubt sie sich im Stande ihr Schicksal ausmanövrieren zu können. Bis ihr eben jener kleine Fehler unterläuft, sich mit ihrem bürgerlichen Namen (Elaine) einzuloggen. Da beginnt die Geschichte ihres Absturzes und wir erleben dem schrittweisen Zerfall ihrer Identität und den darauf folgenden Karriereabstieg. Ein gut geschriebener Roman einer individuellen Katastrophe in dieser Kultur. Bestechend ist die formale Klarheit, mit der Martha Baer diese (unsere?) Geschichte schreibt. Der Leser wird nicht mit larmoyanten Trauerarbeitswallungen belästigt, sondern auf eine humorvoll, sachliche Weise auf Distanz gehalten. Ein geistreiches , spannendes und unterhaltsames Buch. (A.N.)

Matha Baer „Inez an (Francesca)“ Hoffmann und Campe

Alle Menschen lügen – von der Redlichkeit der Hochstapelei

Fee (Felicitas), Tochter des Hochstaplers Wondraschek ( er „ … war nicht der schlechteste aller Väter gewesen. Er hatte mich nie geschlagen, mißbraucht oder zu sehr geliebt.“ ), ist die Hochstaplerin und wir, die Leser, begleiten sie auf ihrer Odyssee quer über den Planeten von Coup zu Coup („Auch wer kein Ziel hat, muß in Bewegung bleiben“), sind Zeugen ihrer transitären Existenz im ständigen Kampf mit den Gefährdungen, die eine solche Lebenspraxis mit sich bringt. Das macht die krimiartige Spannung dieses Romans aus, von dessen Handlung wir hier nichts verraten werden. Der Autorin gelingt es brilliant, uns zu fesseln – und sie schafft es, uns mit Felicitas eine Hauptfigur vorzustellen, die eine moderne Heldin repräsentiert. Geprägt von der Männergesellschaft, deren Spielregeln sie besser beherrscht als jene, führt sie uns diese vor und verschafft uns den fröhlichen, wenn auch bitteren Erkenntnisgewinn, daß der Kampf ums Dasein ein Spiel ist, bei dem es immer Gewinner und Verlierer geben wird und entlarvt die Scheinhaftigkeit dieses Spiels. Felicitas verschwendet ihre Zeit nicht damit, gegen die Ordnung dieser Welt zu kämpfen, sondern sie akzeptiert und überbietet sie. So ist ihre Geschichte in der Männergesellschaft auch eine Odyssee von Mann zu Mann, von Geld zu mehr Geld. Der zentrale Begriff, um den sich der Roman dreht, ist : GIER (die eigene wie die der Anderen) und die vielfältigen Variationen zum Thema werden von Leonhard Cohen- (melancholisch) und Brechttexten (analytisch-marxistisch) reflektierend begleitet. Wenn alles zu haben ist, dann muß es einen geben, den man hoffnungslos liebt, denn Liebe hat nichts mit Denken zu tun, „sie war vor allem Selbsttäuschung – die perfekteste und kurzlebigste“ und „Geld ist heimatlos“. Der eigentliche Luxus, den sich fast niemand leisten kann, ist die Wahrheit. Der Roman ist von einer erfrischenden Gnadenlosigkeit. Wir sind alle Hochstapler und die Besten sind die Gewinner. Allerdings ist das Buch keine Aufforderung zu Betrug und Hochstapelei – es ist die Beschreibung der Erotik des Spiels mit den Lebensumständen – nachvollziehbar : weil präzise und berührend und ohne moralische Wertungen geschrieben. Felicitas ist nicht nur geldgierig – es macht ihr Spaß, Männer zu betrügen und sie hat das Talent dazu, das Aussehen und den Mangel an moralischen Bedenken. Es sind die Männer, die sie unterschätzen und bis auf drei Ausnahmen, sich in der Sicherheit ihres vielen Geldes wähnend, in geradezu gerechter Weise für ihre männliche Arroganz und Eitelkeit bestraft werden. Felicitas liebt das Geld, den Luxus und haßt die Kälte – immer auf der Suche nach der Sonne, in der sie nicht friert und vor die Wahl gestellt, ein guter Mensch zu sein oder Austern zu essen, entscheidet sie sich für letzteres. Der Roman ist trotz seines herben Sarkasmus’ nie zynisch. Christine Grän scheint alle ihre Figuren zu lieben. Ganz selten schleichen sich im letzten Drittel Längen ein und auf jeden Fall muß man der Autorin ein Talent, komische Situationen zu erfinden, bescheinigen und sie läßt Felicitas aussprechen, was jeder – wenn wir ehrlich sind – auch denkt : „ …daß Arbeit eine höchst überflüssige Beschäftigung war, die Menschen davon abhält, sich dem Vergnügen hinzugeben“. Ein Streit, ob es sich um große Literatur handelt, ist müßig. Chandler z.B. ist es für den einen oder anderen schon und ein Vergleich ist im konkreten Fall keine Hochstapelei. „Die Hochstaplerin“ ist ein geistreiches und spannendes Buch. Und wir wollen mit der Autorin schließen : „Nichts muß ein Happy-End haben, denn das Leben ist das glückliche Ende. … Das Leben geht weiter. Es ist gemein und selbstsüchtig. Es bietet nicht genug für jedermanns Gier.“ (A.N.)

Christine Grän „Die Hochstaplerin“ Albrecht Knaus Verlag

Das Leben im Falschen?

Das zwanzigste Jahrhundert ist zu Ende gegangen. Es war für die deutsche Nation ein an geschichtlichen Katastrophen reiches Jahrhundert. Ein Riesenfundus an biographischem Material, daß seiner literarischen Verarbeitung harrt. Die deutsch-deutsche Geschichte nach dem zweiten Weltkrieg ist ebenfalls ein unendliches Stoffreservoir für Literatur. Wir werden in den nächsten Jahren noch viele Romane zu deutsch-deutschen Themen bekommen – soviel ist sicher. An dieser Stelle soll Aus dem Schneider von Katrin Askan vorgestellt werden. Es ist im Oktober 1986, Judith – die Hauptfigur des Romans, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird, – hat dreieinhalb Stunden Zeit bevor sie aus dem Haus, in dem sie aufgewachsen ist und das ihr Großvater erbaut hatte, zu ihrer Flucht in den Westen aufbricht. Sie nimmt Abschied in dem sie sich erinnert. Die Chronik der Ereignisse, die sich mit diesem Ort verbinden, ist zugleich eine Familienchronik, die auf zwei Ebenen wechselseitig erzählt wird. Zum einen ist es ihre Zeit, zum anderen die Geschichte der Generation vor ihr. Nur durch einen Zufall – der Großvater hatte die Straßenbahn verpaßt – fiel die Wahl auf ein Grundstück, daß nicht in Britz, sondern später dann im Osten Berlins lag. Der Ort wird zum Schicksal für die Familie, zum Sinnbild der getrennten Nation. Die Familie ist nach dem Mauerbau getrennt, weil – bis auf Judiths Vater Arnold – der andere Teil – sein Zwillingsbruder Rudolf und der Vater Hilding – in den Westen gegangen sind. Zufall und Schicksal bestimmen die Biographie genau so wie das eigene Entscheidungsvermögen. Und so richtig das ist, ist genau dieser Entscheidungskampf der Figuren dem Leser vorenthalten worden. Also die Ebene, die Realgeschichte in Literatur übersetzen kann. Was Katrin Askan da vorlegt, ist handlungsdramaturgisch einigermaßen geschickt gebaut. Es hat einen guten Plot und würde sicher eine gute Grundlage für ein Drehbuch sein. Es ist gut geschriebene Journalistenprosa – mehr leider nicht. Kolportierte historische Ereignisse und Biographien, deren reine Schilderung zwar äußerst realistisch, sich aber widerspruchsfrei dahinerzählt. Dadurch bleibt der Text eindimensional. Aus dem Schneider sein – die Familientradition ist das Schneiderhandwerk – heißt ja nur, nicht ganz so hoch verlieren – die Menschen im Osten also: die Verlierer der Geschichte, na ja. Schade, denn die ästhetische Konstruktion ist klug konzipiert und die Autorin hat eine schörkellose direkte Sprache. Sie hat aber, so scheint es, nicht die Geduld, sich auf das Innenleben ihrer Figuren einzulassen. Der Roman liest sich, wie eine im Groll geschriebene, zornige Abrechnung mit dem DDR-Staat. Das ist, wenn man die Geschichte gelesen hat, die biographische Züge trägt, zwar verständlich und auch die Lebenssituation in der DDR wird realistisch geschildert, aber eben noch keine Literatur, bei der am Ende mehr übrig bleibt, als daß man sagen kann: „Ja, genauso war es.“ – mehr aber nicht. Dennoch ist das ein Buch, daß seine Leser finden wird. Ein Buch von sprachlicher Qualität das ganz offensichtlich so geschrieben werden mußte. (A.N.)

Katrin Askan Aus dem Schneider Berlin Verlag 39,80 DM

Körper im Kopf

Der Leser mag versichert sein, daß es dem Rezensenten nicht gerade eine große Freude ist, enttäuschterweise über ein Buch zu berichten. Bringt er doch einige Stunden seiner Lebenszeit damit zu, es zu lesen. Der konkrete ärgerliche Anlaß ist: „Zunge zuerst“ von Emily Jenkins mit dem verheißungsvollen Untertitel „Abenteuerreisen in Begleitung meines Körpers“. Die Erwartungshaltung wird auf der Rückseite des Buches mit Stichworten wie „wildeste Körperabenteuer“ und „rasante Tour de force ihres Körpers“ hochgeschraubt, das macht neugierig. Es beginnt interessant. Im Vorwort wird ein Begriff von Körperlichkeit entfaltet, der die Widersprüchlichkeit von Gefangensein im eigenen Körper und dem Körper als Fahrzeug (Vehikel) sowie Herausforderung zu Abenteuern faßt. Der Leser erfährt, daß die Autorin noch nicht dreißig Jahre alt ist und denkt: alle Achtung, heißes Thema – daran sind schon ganz andere gescheitert. Auch im ersten Kapitel – da beschreibt sie einen Selbstversuch durch Schlafentzug – vermag sie durch detaillierte Beschreibung dieses Erlebnisses, den Leser bei Interesse zu halten. Der Text enthält dazu sogar eine amüsante Kulturästhetik der amerikanischen Cocktailpartytradition. Was dann folgt, sind leider keine „wildesten Körperabenteuer“, sondern die Wiedergabe von Angelesenem aus populärer Mainstreamliteratur und Lifestylemagazinen (Emily Jenkins schreibt selbst für „Swing“, „Feed“ und „Mademoiselle“) und der Versuch einer Kritik dieser Texte für pseudo-aufgeklärte Mittelstandsbürger. Am Schluß wird, als handle es sich hier um ein wissenschaftliches Werk, eine Auflistung der „kritisch“ besprochenen Bücher, mit denen sich die Autorin beschäftigt hat, vorgenommen. Eine große Bandbreite von Themen wird abgehandelt – aber nur im Kopf, als Reflexion. Dieses keimfreie Liebäugeln mit heißen Themen beeindruckt höchstens Hinterwäldler, die gerade den ersten Kontakt zur westlichen Zivilisation hinter sich haben. Als hätte es nie Autoren wie Burroughs oder Bataille gegeben, erweist sich dieses Buch, oder zumindest der Titel, als Etikettenschwindel. (A.N.)

Emily Jenkins „Zunge zuerst“ Econ&List Taschenbuch 14.90

Das Brennen im Hals

Gibt es eine Bemerkung zum falschen Zeitpunkt zu machen oder in ein beliebiges Fettnäpfchen zu treten, dann ist Georg Zimmer der (Anti)Held des Romans derjenige, welcher das prompt hinbekommt. Die Rede ist von „Tristanakkord“, Hans-Ulrich Treichels neuem Roman. Das Buch ist eine gut geschriebene tragikomische Satire auf die Welt der Kunst und der Künstler. Georg, ein arbeitsloser, studierter Germanist, ist dabei seine Dissertation zum Thema – Das Vergessen in der Literatur – vorzubereiten und trifft auf den Komponisten Bergmann, um ihm bei der Abfassung von dessen Biografie behilflich zu sein. Bergmann, der Komponist von Weltgeltung ist auf jede nur denkbare Weise das Gegenteil von Georg. Jener möchte gern Künstler sein – er hat auch schon ein Lyrikbändchen im Selbstverlag heraus gebracht – der Andere wird an allen großen Konzerthäusern der Welt aufgeführt. Bergmann und Georg sind allerdings keine Kontrahenten. Ihre Welten berühren sich nicht einmal. Der eine arbeitet an seiner Unsterblichkeit, der andere daran, herauszufinden was das Vergessen ausmacht bzw. das Nichtbeachtetsein. Er braucht dafür die Begegnung mit Bergmann, ohne es jedoch herauszubekommen. Im großen und ganzen weiß er am Ende nur, daß er kein Künstler ist. Die Relevanz des Textes ergibt sich aus seinem Bezug auf Modernität und die gegensätzlichen Handlungsverläufe von Scheitern und Erfolg werden im Roman satirisch beleuchtet. Das Scheitern ist Georgs Sache. Der Erfolg ist auf Bergmanns Seite. Der Erfolg eines Kunstwerks ist heutzutage nicht mehr nur über die Kunst definiert, sondern über den Markt und das Beherrschen seiner Mechanismen. Bergmann beherrscht sie. Und noch etwas beschreibt der Roman auf sehr signifikante Art und Weise. Die Kriterien – für das, was als Kunst gelten kann – sind der Öffentlichkeit in ihrer mediengesteuerten Kommunikation verloren gegangen. Was diesen Roman vor allem lesenswert macht, ist die Erzählkunst von Treichel. Er schweift immer wieder souverän vom Handlungsfaden ab und das stört überhaupt nicht, denn er kann phantastische Nebengeschichten und zauberhaft komische Anekdoten erzählen. In jeder Abschweifung, hat Treichel etwas amüsantes und geistvolles zu erzählen. In der Falle der Ereignisse sitzen, ist das Hauptmotiv, welches bei Georg stets ein Brennen im Hals verursacht. (A.N.)

Hans-Ulrich Treichel „Tristanakkord“ Roman Suhrkamp Verlag 38,00 DM

Der Gedankenleser oder das blinde Glück

Der Roman ist die Odyssee des Wahrnehmungskünstlers Viktor Tuganov auf der Suche nach dem Glück. „Ja, Glück war das Lieblingsthema der Gesellschaft, Glücklichsein war modern, ein jeder wußte darüber Bescheid, konnte mitreden. Tatsächlich aber wußte kaum jemand Bescheid.“ In diesem „Tatsächlich“ steckt der Kern – die Frage : was ereignet sich in der Tat? – um weiche Sache geht es eigentlich? „Das Ganze glich einem großen Irren, einem Suchen, einem Tappen im dunkeln.“ Viktor Tuganov irritiert seine Umwelt aufs äußerste, denn er hat das zweite Gesicht – er kann Gedanken lesen. Wie lebt man in einer Welt, in der die Leute glauben, daß Zweigesichtige das Unheil anziehen? Es ist ein schweres Schicksal für Viktor, denn die Menschen wollen nicht gern durchschaut werden. Durch seine besondere Fähigkeit, erlebt der die Tragik aller klugen Leute – sie wissen zu viel von dieser Welt. Der Roman könnte heute spielen – er spielt heute. Die Verlegung der Handlung ins 19. Jahrhundert – in die Zeit, als die Moderne geboren wurde – ist ein ästhetischer Trick, um Distanz für das Betrachtete zu erlangen und vor allem eine andere Wahrnehmungsgeschwindigkeit, die uns der Autor zumutet, herstellen zu können. Er führt uns an den Beginn unserer modernen Lebensweise zurück. Die Geschichte beginnt in Rußland. Viktor wird mit der sonderbaren Fähigkeit des Gedankenlesens geboren. Er verfügt über – den anderen Menschen unvertraute -Wahrnehmungsmöglichkeiten, er kann in ihre Gedanken eindringen. „Viktor Tuganov war ein Kind, bei dessen Anblick man unwillkürlich erschrak. … Viktor Tuganov schielte.“ Als Kind erlebt er die Welt der Gefühle voller Dämonen, noch unfähig sie zu ordnen, ist er ihnen ausgeliefert. Später veranlaßt ihn seine Fähigkeit, die Gefühle und Gedanken der Menschen genauer zu untersuchen, nachdem er in sie eingedrungen ist. Seine Lebensstationen führen ihn – in einem verarmten Adelshaus geboren – über das Internat in Petersburg, wo er als Außenseiter und Sonderling, von den anderen isoliert, sich ganze Bibliotheken einverleibt, nach Sibirien in die Verbannung, nach dem er, erst unschuldig zum Tode verurteilt und dann begnadigt das harte Lagerleben unter lauter brutalen Schwerkriminellen kennenlernt. Dort lernt er das Paradoxon verstehen, daß die niedrigsten Gefühle gleichzeitig die ehrlichsten sind. Von Sibirien, wo die Zeit noch auf vormoderne Weise stillzustehen scheint, wandert Tuganov dann dreißigjährig nach Paris aus – dem – zur damaligen Zeit – Inbegriff von dem im Tempo der Moderne pulsierenden Zentrum. Hier am Ort, wo Fortschritt, Wohlstand, Aufgeklärtheit und Modernität versammelt sind, sucht Viktor das Glück zu finden. Das Flanieren ist seine Arbeit geworden – er, der Sammler von Gedanken und Gefühlen erfährt das Dilemma des Flanierens – es ist: unbefriedigt sein. Nirgendwo kann er glückliche Menschen wahrnehmen. Alle sind mit ihrer Wirkung auf die Andern beschäftigt. „Mit dem Glück schien es wie mit der Ferne zu sein – immer war es anderswo.“ Da es aber en vougue war, als glücklich zu gelten, trugen die Menschen der Gesellschaft ihr Glück wie Schminke auf. Sie spielten Glücklichsein. Es waren reine Willensgeburten. Tuganov wurde klar, „ … wenn etwas mit dem Willen nichts, aber auch gar nichts zu tun hatte, dann war es das Glück“. Und dann begegnet er einem ersten Anschein von Glück. Die Liebe eines Mädchens, daß er auf seinen Streifzügen beobachtete, diese Bedingungs- und voraussetzungslose Liebe war ein Ausdruck reinen Glücks. Tuganov wußte zuviel, um je so empfinden zu können, war aber selig und fühlte sich nach dreißigjähriger Suche belohnt und beschenkt. Von der Sucht des Sammlers befallen, der von einem seltenen Exemplar soviel wie möglich besitzen wollte, suchte er nach weiteren Erscheinungsformen des Glücks. Auf der Suche nach der Liebe, wurde er auch in Paris – der Stadt der Liebenden – nicht weiter fündig und das aus einem einzigen Grund. So verkrampft und gewollt, wie wir Liebe begehren, können wir das Glück nur vertreiben. Das Glück läßt sich nicht erzwingen. Viktor erkennt, daß Glück nicht nur der Höhepunkt, sondern auch der Schlüssel zur Welt der Gefühle ist, die Basis, der Ursprung, die Sehnsucht einer jeden Seele, ein Raum, so groß, wie das Universum. Er selbst erlebt das Glück zum ersten mal in einem Kuß, nach dem er durch einen tragischen Unfall das Augenlicht und damit seine Sehergabe verlor. Das ist, wenn zwei Menschen einander gehören. Dieser Sachverhalt leitet sich vom Hören ab, nicht vom Sehen. „Nicht das Erkennen bedeutet Glück, sondern das Nichterkennen!“ Das Glück ist blind. (A.N.)

Gunter Gross „Der Gedankenleser“ Schneekluth Verlag 38,00 DM

MAI 3D

Irgendwie bin ich gelangweilt.“ Mit diesem Satz beginnt es. Das Tagebuch aus drei Tagebüchern, das sich zusammen Tagebuchroman nennt. Und das ist es dann, was auch dem Leser widerfahren wird. Die maßlose Selbstüberschätzung dieser – lediglich aus der Ich-Perspektive abgesonderten – Sprechblasen, die sich auf 200 Seiten hinzieht und den Leser beim Kauf 28,- DM kosten wird, ist der Versuch, Belanglosigkeit als Lebensgefühl zu verkaufen. Alexa Hennig von Lange verantwortlich für Kai, Till Müller-Klug verantwortlich für Marc und Daniel Haaksman verantwortlich für David „puzzeln“ einen „ganz normalen Monat im Leben“ ihrer Protagonisten zusammen. Die Angst, als Spießer zu gelten, ist für sie ein ausreichender Grund sich zu verstellen, doch eigentlich haben sie nichts davon. Was andere von ihnen denken könnten, bestimmt ihr ganzes Verhalten – arme Würstchen. Es wird kreuz und quer in der Gegend rumgevögelt (das sind dann wohl eher Wunschfantasien der Schreiber), Drogen werden konsumiert und vor allem ist man schön cool und findet sich vorzugsweise ständig nett.

Die Texte – ich bin mir nicht ganz sicher, ob man das Texte im Sinne von Literatur nennen kann, auch wenn die Sammlung sich hochtrabend Tagebuchroman nennt – die wie Videoclips – schnell und oberflächlich, zynisch und gewollt, oder besser angestrengt – an einem vorbei rauschen, keine nachhaltigen Eindrücke hinterlassen und die nur unter Aufbietung aller zur Verfügung stehenden Toleranz durchzuhalten sind, werden in MAI 3D von drei – ja was eigentlich – veröffentlicht. Auf dem Rückcover wird der Leser über die Existenz eines neuen Genres belehrt. Wir haben es hier mit Dreidimensionaler Pop-Soap zu tun. Davon stimmt zumindest Soap, denn irgendwie ist das, was einem da zugemutet wir schon recht schmierig. Das sowas populär sein soll, also – ich hoffe nicht und fürchte ja. Aber dreidimensional ist es auf keinen Fall. Ich frage mich, ob es überhaupt eine hat. Wenn es sich bei den Texten um einen Ausdruck des Lebensgefühls der Verfasser handelt, dann ist das bedauerlich für die Betroffenen. Es ist auf tragische Weise unerheblich und traurig. Irgendwie müssen die drei glauben, daß es interessant ist, was ihren Figuren da passiert, wenn sie das veröffentlichen. Das ist es aber mitnichten und noch lange kein Grund, Leser mit diesen seichten Selbstreflexionen zu langweilen. (A.N.)

MAI3D Ouadriga 28,00 DM

Ode auf den Gutmenschen

Ich wache jeden Morgen mit einer Erinnerung auf.“ So beginnt der Roman „Amerikanisches Frühstück oder Wir sind doch nicht im Kino“ von Joe Coomer, der eine Rückerinnerung an die Studentenzeit von Hart Crane ist. Die Hauptfigur, der Erzähler selbst, pendelt zwischen der Jetztzeit und der Studentenzeit, die viereinhalb Jahre zurück liegt, hin und her – zwischen dem Leben auf der Ranch seines Großvaters und den Erinnerungen an seine erste Liebe – Mary. Sie war – wie er – Studentin und dieser Roman schildert die melodramatische Erinnerung an sie: wie sie sich im „Pancake & Egg“, einem Imbiß, in dem Mary arbeitete, weil sie nicht genügend Stipendium bekam, kennenlernten, bis sie ihn nach kurzer Zeit verlässt, weil, wie sie es ausdrückt, sie ihn lieben wollte, ihn aber nicht lieben konnte. Darüber hinaus ist das Buch eine Liebeserklärung an das harte, einfache Farmerleben in Kentucky, und eine Geschichte über die unspektakuläre Studentenzeit von Moto, Ford und Hart – drei Jungs, die sich zwei Prioritäten für ihre Studentenzeit gesetzt hatten : „…Jungfräulichkeit und Studentenverbindung. Vom ersten wollten wir weg, zum zweiten wollten wir hin.“ Aus dem Verliebtheitsrausch in die Ernüchterung des alltäglichen Seins zurückfallen, ein anständiger Mensch bleiben und zu verstehen, daß man man keine Zukunft stehlen kann, die einem nicht gehört – ist die Botschaft dieses Romans. „Die Straße … (ist) … nur dazu da, daß man ihr folgte… „. Es ist ganz deutlich, in der amerikanischen Alltagsliteratur zu bemerken, daß Hollywood die prägende kulturelle Institution Amerikas geworden ist. Diese Romane lesen sich alle als verkappte Skripts, die gerne ein Hollywoodfilm werden möchten. In sofern ist der Titel der deutschen Übersetzung etwas irreführend. Im Orginal heißt der Roman schlicht „Kentucky Love“und meint beide Liebesgeschichten in Kentucky. Er ist eine Ode auf den Gutmenschen und endet typisch amerikanisch. Der letzte Satz lautet: „Ich habe soviel Vertrauen, ich weiß gar nicht, in was.“ – und wir glauben, wir sind im Kino. (A.N.)

Joe Coomer „Amerikanisches Frühstück oder Wir sind hier nicht im Kino“

Fretz & Wasmuth 34.90 DM

Das versiebte Leben im Provisorium oder die Flasche Schnaps in der Faust

Es gibt zwei Möglichkeiten, seine Intentionen zu verbrennen. Die erste ist : seine Texte dem Feuer zu übergeben, die zweite : sie zu veröffentlichen. Die in harter Arbeit dem Geheimnis abgerungenen Texte preiszugeben, kostet Überwindung und geht mit Scham einher – die Texte verlieren ihre Unschuld. Das Ganze ist ein unumkehrbarer Vorgang – ist endgültig. Der Schriftsteller C. – die Hauptfigur des

Romans Das Provisorium – erhält nach zähem Kampf das Visum für einen Arbeitsaufenthalt in der Bundesrepublik. Er hat sich festgefahren – in seiner Arbeit und in seiner Beziehung zu der Frau, mit der er in der DDR lebte. Er nutzt diesen Arbeitsaufenthalt für die Flucht vor ihr und seiner Entscheidungslosigkeit und mit der Hoffnung im Abstand klarer sehen zu können. Aber das Gegenteil tritt ein. Er schreibt kaum noch, absolviert Lesungen vor einem Publikum, mit dem er nichts anfangen kann und am ende trinkt er nur noch. Auch hier verstrickt er sich in eine fatale Beziehung zu einer Frau, vor der am ende auch nur noch auf der Flucht ist. Er ist auf der Suche nach einer Freundschaft zu einer Frau ohne sexuelle Verbindlichkeit – vergeblich. Dieser Roman ist ein beredsames Zeugnis für das Verstummen eines Autors und eines Menschen, ohne jegliches Selbstmitleid. Damit Geschichten geschrieben werden können, müssen sie zu ende sein. Doch die Erinnerung will sich nicht einstellen. Und so wird es für C. ein Leben in Einsamkeit und im Krieg gegen sich selbst. Verwirrt taumelt er durch den Analphabetismus der Überinformation von Zeichen, die kein Ende nehmen wollen. Er verkriecht sich in seiner Wohnung und auf den Bahnhöfen der westdeutschen Städte. Er fährt im Kreis und wird niemals ankommen. So gesehen erlebt er ein Schicksal, daß viele DDR-Bürger fünf Jahre später mit ihm teilen werden. „Und Heimweh braucht man, um seine Ankunft im Westen endlich zu begreifen.“ – schreibt Hilbig. Das Buch zählt zu den stärksten Texten, die ich in der letzten Zeit gelesen habe. Hilbigs radikaler und schonungsloser Umgang mit sich selbst, der vor keiner Peinlichkeit zurückschreckt ist zu keinem Zeitpunkt larmoyant. Wir nehmen als Leser an der Selbstoffenbarung einer tätowierten Seele teil. Es gibt kein richtiges Leben im Falschen, wie es kein falsches Leben im Richtigen gibt – es gibt genaugenommen nur Leben. Für einen Roman dieser Qualität fällt mir zum Vergleich nur Dostojewski ein. „ Dichter zu sein, dafür braucht es einen Beweis“, schreibt Hilbig in seinem Roman. Dieser Roman und auch seine früheren Texte sind der Beweis. Hilbig zählt zu Recht, zu den bedeutendsten Dichtern Deutschlands. (A.N.)

Wolfgang Hilbig Das Provisorium Fischer Verlag 39,80 DM

Wie es ist, ist es nicht

Die Erzählung ist eine eine Betrachtung, hat keine Handlung – ein Märchen in dem eigentlich oder wie der Autor geschrieben haben würde „in Wirklichkeit“ nichts Wirkliches passiert – jedenfalls, wenn mit konventionellen Kriterien geschaut wird. Die Landschaft beginnt sich die Zivilisation wieder einzuverleiben, indem sie, sich der Wörter bedienend, jene überwuchert oder überwächst – jedenfalls erscheint es so in der Wahrnehmung der zehnjährigen Lucie, die „in Wirklichkeit erst sieben Jahre alt“ ist und „in Wirklichkeit“ einen anderen Namen hat und den Wald als zunächst feindliches Etwas begreift oder ablehnt, weil sie ihren Vater bzw. dessen Daseinsweise verabscheut. Wir erahnen das Leben einer Kleinfamilie (Vater, Mutter, Kind) in einer nicht mehr aufeinander bezogenen Lebensweise. Alle Drei leben abgeschlossen in ihrer eigenen Welt und nehmen den Anderen nur noch aus der zurückweisenden Distanzperspektive war, sind Flüchtlinge auf der Flucht vor einander. Doch die Boshaftigkeit der jeweils eigenen Egozentrik verbindet sie. Die Geschichte wird dann zu einem verkehrten Märchen, in dem die garstige Prinzessin ihren Vater retten will. Die Verhaltensmotive der Erwachsenen sind unverständlich. Die der Kinder noch viel unverständlicher, und wir sollen verstehen, daß sie – nach Handke – die besseren Menschen sind und daß Lucie und wahrscheinlich auch der Autor keine langen Sätze mögen. (A.N.)

Peter Handke „Lucie im Wald mit dem Dingsda“ Suhrkamp Verlag