Die Gottlosen

Z U S T Ä N D E

Die Gottlosen

Die Zeit steht still, die Ereignisse wiederholen sich. Wie schon letzten Sommer und die Sommer davor versammeln sich alle auf dem Gut von Anna Petrowna. Nach einem langen Winter füllen die neuen alten Sehnsüchte den Raum. Es ist heiß. Mehr oder weniger subtil sucht sich die Libido einen Weg aus den Schranken der Konventionen heraus zu bahnen, die wenig Spielraum lassen für neue Formen von individueller Selbstverwirklichung. Die alten Konventionen haben sich überlebt. Für eine neue andere Lebensweise gibt es keine Spielregeln. Der Faden ist gerissen. Zwischen den Generationen ist der Konsens aufgehoben. Eine neue Übereinkunft gibt es nicht. Im Kontext dieser Gottlosigkeit ist das Unbehagen privatisiert. Die Ökonomie ist ruiniert – hat in ihrer Banalität jeglichen Glanz verloren. Auch sie hat ihre Begehrlichkeit eingebüßt. Zwischen Trauerarbeit und unerfüllten Sehnsüchten dümpeln die nun Gottlosen herum. Im ganz ursprünglichen Wortsinn vegetieren sie nur noch dahin – sie fressen, saufen und ficken. Jeder versucht, dieser Langeweile zu entkommen. Sie brauchen den Entertainer zur Produktion von – wenigstens – Ersatzsinn und eine Projektionsfigur, in die es sich zu verlieben lohnt. Sie brauchen Einen, zu dem man ebenso aufschauen, wie sich an ihm reiben kann. Sie brauchen Platonow.  Eine Orientierung, die Generationen früher hatten, gibt es nicht mehr. Platonow muß deshalb auch als moralische Instanz herhalten. So sehr er der einzig Geeignete für diese Rolle zu sein scheint und so sehr er sich auch darin gefällt, so sehr ist er von dieser Aufgabe überfordert. Glücklicherweise wird er durch ein intellektuell verwirrtes Triebweibchen von diesem gräßlichen Leben erlöst.

Eine Komödie – nach „Die Vaterlosen“ von Anton Tschechow – von Andreas Neu

4 D / 6 H