Prosa

Wechsel Jahre

Männer werden später erwachsen als Frauen. Dafür sind sie es dann das ganze Leben. Sie bauen Bahnhöfe auf denen sie dann ihr halbes Leben zubringen und von denen die Frauen abfahren, von denen sie verlassen werden. Und die Frauen am Bahnhof sind höchstens für eine Nacht.

Ihre Wechsel-Jahre erleben sie mehr als nur einmal. Sie gebären öfter und vor allem quälen sie sich länger damit herum.

Richard hatte sich verlaufen. Er wollte eine Abkürzung gehen. Dieses mal war es eine vertraute Abkürzung. So dachte er. Vor Jahren war hier noch ein gangbarer Pfad durch den Wald. Zum hinteren Teil der Siedlung war er früher immer hier lang gegangen. Seltsamerweise hatte er Mühe, sich zu erinnern. Irgendwie war der Weg ihm anfänglich gleichermaßen vertraut und nicht mehr erinnerbar. Jetzt aber schien es ihm als ginge er zum ersten mal hier lang. Er hatte zwar gehört, dass eine neue Straße gebaut worden war, konnte sich aber nicht vorstellen, dass das Auswirkungen auf seinen alten Schleichpfad haben könnte. Der Wald – so schien ihm – war noch da, wo er vor zwanzig Jahren gestanden hatte. Die Wege waren es nicht. Es schien ihm, als würde dieser Weg jetzt nach Osten führen. Die Siedlung lag aber in Richtung Westen, wenn man vom Bahndamm her kam. Auf seinen Orientierungssinn, hatte er sich immer viel eingebildet. Es war seltsam. Er war sich ganz sicher und nun musste er dieser unleugbaren Tatsache Rechnung tragen. Er hielt an und setzte sich, um zu rauchen und zu überlegen.

Richard ist ein freundlicher Mensch in der Mitte seines Lebens. Der Passagier auf dem Nebenplatz. Unterwegs – auf der Suche nach einer Heimat. Den Zweifel im Kopf, die Wut im Bauch und den Zorn in den Gedanken. Ein normaler Zeitgenosse, mittelmäßig gebildet, durchschnittlich intelligent und meistens zu freundlich für diese Welt.

Seine Gedanken beschäftigten sich jedoch nicht mit dem ursprünglichen Problem – den sich verändert habenden Wegen in diesem Wald, sondern mit den Erinnerungen, die in jene Zeit zurück reichten, als er diese Wege häufig entlang ging, um zu der Siedlung zu kommen, wo seine Eltern ein Gartenhaus hatten, auf das sie an den Wochenenden im Sommer fuhren, um sich aus der Großstadt zu flüchten. Seine Eltern wohnten jetzt in einer Kleinstadt und so fuhr er ab und zu hier her, wenn er allein sein wollte. In den letzten Jahren hatte er immer den Weg über die Asphaltstraße genommen. Der war kürzer, seit es da eine neue Bahnstation am anderen Ende der Siedlung gab. Heute war war er aus ihm unerfindlichen Gründen eine Station weiter gefahren, und so sollte er den alten Weg gehen, den Weg von früher.

Den ganzen Tag über hatte es geregnet. Obwohl er noch viele Kleinigkeiten zu erledigen hatte, war Richard schon mit dem im vertrauten Gefühl aufgestanden, dass heute – wie an vielen Tagen zuvor – alles erneut unerledigt liegen bleiben würde. Das hatte nicht ursächlich mit dem Regen zu tun. Seine seelische Verfassung war einfach nach wie vor haltlos. Das bedeutete in der Regel, dass er das erste Bier noch vor dem Zähneputzen trank. Der Regen war nur ein willkommener Anlass, seiner Untätigkeit als Ausrede zu dienen. Seit er wieder allein lebte und keiner ihm sinnvoll erscheinenden Arbeit mehr nachging ( er hielt sich mit verschiedenen Jobs über Wasser ), hatte sich zumindest zeitweilig die Gewohnheit zielgerichteten Handelns als überflüssig herausgestellt. Er hangelte sich ziellos von Stunde zu Stunde, stolperte von Text zu Text – er schrieb zusammenhanglose Versatzstücke eines Romantextes, der mittlerweile mehr als zwanzig Anfänge hatte – , flüchtete von einer Frau zur nächsten, hetzte von Buch zu Buch – er hatte wieder angefangen exzessiv zu lesen und versuchte so der Wirklichkeit zu entfliehen – und taumelte von einem Bier zum nächsten. So hatte er passenderweise am Folgetag stets ausreichend Durst, um weiter zu trinken, nach einem besseren Anfang für seinen Roman zu suchen, um bei den großen Werken dann festzustellen, dass die Texte alle viel besser waren, als seine eigenen.

Das alles war ihm am Anfang durchaus folgerichtig erschienen. Es wäre nicht richtig zu behaupten, dass er das als leidvoll erlebte. Es war eine neue Situation, in der er sich zurecht zu finden suchte. Gleichzeitig war ihm durchaus klar, dass es sich um einen Verdrängungsvorgang handelte. Dieser war für ihn allerdings überlebenswichtig.

Mit dem Schreiben hatte er vor erst einem Jahr begonnen, wenn man mal von der Bekenntnislyrik absieht, die er produzierte, als er wieder mal verliebt war bzw. sich in heroischen Bekennerphasen seiner geistigen Entwicklung befand und deren Texte ihm später stets peinliche Gefühle verursachten. Es war also erträglich, dass seine Texte noch nicht dem Niveau entsprachen an denen er seine Kriterien festmachte. Das würde durch Übung und Schreibpraxis kommen. Daran hatte er überhaupt keinen Zweifel. Er wusste, dass andere Autoren zunächst auch viel experimentiert und gelesen haben. Diejenigen, die er besonders schätzte, waren auch erst anderen Berufen nachgegangen und haben spät mit dem Schreiben begonnen. Sie hatten also schon eine Biografie vor der Arbeit in der Literatur. Sie kannten das Leben und wussten, wovon sie schrieben. Ihre Texte hatten dann folgerichtig in der Regel mehr Substanz, als die der Jungpoeten, die der Literaturmarkt schnell nach oben gespült hatte, um schelle Gewinne mit ihnen zu erzielen und sie um so schneller wieder in der Versenkung verschwinden zu lassen. Es gab für ihn also keinen Grund zu irgend einer Eile. Er gab sich erst zwei, dann drei und schließlich fünf Jahre Zeit, herauszufinden, ob Schreiben für ihn eine Daseinsweise werden konnte.

Er wurde zu Konsumenten seiner eigenen Gedanken und so lange er noch Unmengen davon produzierte, fühlte er sich nicht unwohl, sondern höchstens durstig.

X

Nachdem er sich entschieden hatte weiter zu leben, stellten sich einige Fragen ganz neu, andere überhaupt nicht mehr. Die Architektur der Träume und die des Leben unterscheiden sich viel weniger als man glaubt. Es gibt zwei Arten von Träumen. Jene – in denen wir uns zu Hause fühlen und jene – wo wir uns in einer uns fremden Welt bewegen. Der größten Teil des Leben unterscheidet sich nicht von den unterschiedlichen Kategorien der Träume. Entweder sind die Zusammenhänge, in denen wir uns befinden uns vertraut und wir erleben uns als jene Individuen, die sie gestalten oder wir empfinden uns als in diese Zusammenhänge hinein geworfen und in ihnen haltlos herum torkelnd. Einerseits suchen wir Halt und doch können wir diesen Zustand selten lange ertragen. In jedem Fall ist es immer die Bewegung, dieses Nichtverharren, welches uns ob der Ortlosigkeit erregt. Genauso wie mit dem Begehren die Verachtung beginnt ist dieses Festhalten und Festgehaltenwerden, was uns diesen Impuls für unsere Fluchten gibt. Andererseits ist unsere Sehnsucht nach der Nähe des anderen von einem erfahrungsgemäßen Misstrauen begleitet. Die Öffnung gegenüber dem Anderen – diese Einladen des anderen – verursachte umgekehrt den gleichen Reflex. Er musste sich entscheiden. Wollte er Ordnung in seine Gedanken und skeptischen Optionen bringen, oder sich dem Genuss des Sichtreibenlassens überantworten.

Stadtlandschaften

Die Bilder, die seiner Sehnsucht Gestalt verliehen und vor seinem inneren Auge an ihm vorbei flogen, waren diffus-chaotische Stadtlandschaften, bevölkert von Gesichtern unbekannter Personen. Nur hin und wieder hatte er das Gefühl, den einen oder anderen zu kennen, Assoziationen – erinnert worden zu sein. Aber an was eigentlich? Er hatte übersehen, dass genau das etwas ist, was niemals möglich ist und genau das war die Falle, in der er saß. Was man gerade tut oder denkt, dazu kann man sich nicht gleichzeitig in Distanz befinden. Denn die Wahrheit eines verlorenen Augenblicks, kann man nur erfinden – nachträglich. Es ist immer ein Finden, das Aufspüren von etwas Vorhandenem. Was war also seine Wahrheit? Und dieses ‘war’, ist das einzige nach dem es sich zu fragen lohnt, dass man erfragen kann.

Das wirkliche Leben gibt es nur in der Poesie – sogar Leiden und Schmerzen haben dort die Sinnlichkeit einer notwendigen Berührung; anders als in der Alltäglichkeit, wo sie unsinnige Dinge sind und höchst überflüssig und ohne Nutzen – sie führen dich auf nichts hin und sie halten dich gefangen, wie ein Tier. Doch du willst wenigstens ein poetisches Tier sein, mit einem – wenn auch kleinen – Raum an Freiheit, die du dann doch nur in der Poesie findest. Nur dort bewirklicht sich etwas – jenseits deiner Gedanken. Nur dort kannst du es bewahren – dein Leben. Überall sonst, werden die Menschen dich verraten. Sie werden dir deine Spuren stehlen und versuchen, dich zu verarbeiten. Du bist nicht mehr, als ihre Benutzeroberfläche. Es gibt wahrscheinlich keinen guten Grund für Vertrauen – außer bei sich selbst, es sei denn, du möchtest dir Schmerzen zufügen. Manchmal brauchst du das ja auch. Mit zu wenig Poesie in deinem Leben brauchst du eine ordentliche Portion Hass, um nicht verrückt zu werden. Nur, dass der Hass dich nicht am Leben halten kann. Das schafft nur die Poesie und die Verzweiflung kann dir dann diese Kraft geben, die du brauchst, um nicht mutig sein zu müssen. Mut ist eine Angelegenheit von Idioten.