meine Lieblingstexte anderer Autoren

Das eigensinnige Kind

Es war einmal ein Kind eigensinnig und tat nicht, was seine Mutter haben wollte. Darum hatte der liebe Gott kein Wohlgefallen an ihm und ließ es krank werden, und kein Arzt konnte ihm helfen, und in kurzem lag es auf dem Totenbettchen. Als es nun ins Grab versenkt und die Erde über es hingedeckt war, so kam auf einmal sein Ärmchen wieder hervor und reichte in die Höhe, und wenn sie es hineinlegten und frische Erde darüber taten, so half das nicht, und das Ärmchen kam immer wieder heraus. Da mußte die Mutter selbst zum Grabe gehen und mit der Rute aufs Ärmchen schlagen, und wie sie das getan hatte, zog es sich hinein, und das Kind hatte nun erst Ruhe unter der Erde.

Gebrüder Grimm


PERLENSAU

Und Deine Tränen will ich trinken
wie guten Wein aus dem Medoc
In Deine Schreie will ich sinken
Die ich aus tiefer Seele lock
Wie in die Kissen weicher Betten
Will das Gefühl hinüberretten
bis Du in meinen Armen liegst

Ich werde Deine Leiden fressen,
Wie Völlerei soll Wollust sein.
Und werde Deine Schmerzen essen,
als würdens weiße Trüffel sein.
Wie Hummer ist mir Deine Wut.
Für mich da ist mir nichts zugut,
bis Du in meinen Armen liegst.

Und nach dem Essen will ich wandern,
dorthin wo Deine Leichen wohnen
von all den vor mir, all den andern
Von viel zu netten, faulen Drohnen.
Die wollten nichts von Dir als Treue.
Ich werf nie Perlen vor die Säue
bis Du in meinen Armen liegst.

Dann Göttin, werf ich voller Lust
die Perlen, vor die Sau in Dir.
Du hast verdient, was Du jetzt kriegst,
weil Du in meinen Armen liegst.

Leander Sukov

Der Garten der Liebe


Ich ging in den Garten der Liebe

Und sah, was ich nie noch geschaut,

Wo ich pflegte im Grünen zu spielen,

Ein Bethaus inmitten erbaut.

Und die Pforten waren geschlossen,

Und «Du sollst nicht» stand über dem Tor;

Da kehrt ich zum Garten der Liebe,

Der prangte in blühendem Flor.

Und ich sah ihn erfüllt von Gräbern

Und statt Blumen Grabsteine nur;

Und Priester rings waren in schwarzen Talaren,

Die mit Dornen bezwangen mein Glück und Verlangen.

WlLLIAM BLAKE

ALLEIN

In deinem tiefen Sein

Bist du allein

Und ob dich weiche Kinderhände streicheln

Und liebe Stimmen dir das Herz umschmeicheln

So viele sind Genossen deiner Fahrt

Und keiner fragt nach deinem besten Wesen

Und jeder will dich nur auf seine Art

Und daß die Liebe dich mit Namen nennt

Und nicht vermag

Im tiefsten Grund zu lesen

Das ist der Schmerz

Der in der Seele brennt

Wer etwas ist

ist einsam

gib dich drein

In unsichtbarer Schrift

auf deinem Stein

steht einst das Wort

Und keiner wird es lesen

Ich bin ein Mensch gewesen

Und war allein

(Karl Berner)

Die Geschichte mit dem Hammer

Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel:

Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Aber vielleicht war die Eile nur vorgeschützt und er hat was gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht’s mir wirklich.

Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch noch bevor er „Guten Tag“ sagen kann, schreit ihn unser Mann an: „Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!“

(Paul Watzlawick)

Die Tränen der Schönheit


Carl Jonas Love Almqvist

Hatte dieser Anbeter Böses 1m Sinne? Mit folgenden Worten schilderte Richard seinen Traum, den er eines Nachts von der Schöpfung träumte.

“Ich sah, wie es war, ehe die Erde mit Sonnenumlauf und Sternenfirmament da war, vor der Zeit, ‘unsere Welt existierte noch nicht. – Da ereignete sich einmal folgende Begebenheit.

Ein Mädchen voll himmlischer Anmut, eine himmlische Nymphe, schaukelte auf einer blau- und goldgesäumten Wolke aus Rosenduft. Mit Fingern von weißer Koralle flocht sie ihr Haar; sie wusste von keiner Gefahr. Plötzlich, von einem Getöse geweckt, fuhr sie auf – ein Riese von frechem Aussehen in eines Fauns Gestalt, mit dem Lächeln eines Schelms auf dem Gesicht, eilte auf sie zu. Sie floh vor seiner ‘gierigen Umarmung, nicht wie Daphne vor Apollo – sie floh vor einer Missgeburt, deren Lächeln ihr schrecklicher war als deren Zorn. Hatte dieser Anbeter Böses im Sinne? – Aber sie verabscheute den Anblick seiner Augen und seines Mundes. Sie eilte weg – weg – weg, und er folgte ihr. Wie am Abend die Strahlen der sinkenden Sonne, so flogen die Locken der Fliehenden ihrem gesenkten Haupte nach. Sie stürzte durch Wolken und Abgründe – sie hörte hinter sich den windschnellen Lauf des entsetzlichen Liebhabers. Sie erhob ihre Arme zu einem stummen, einem tauben Himmel. – Wo fand sie eine rettende Grotte? Wo fand sie ein Grab? Als sie keine Hilfe mehr vor Augen hatte, als sie schon fühlte, wie der Arm des Riesen im Begriff war, den Flor um ihre Schultern zu erfassen – da sank sie bebend, verloren, halb bewusstlos um. Aber der von Zärtlichkeit erfüllte Riese hielt, um das Fallen der Schönen zu verhindern, ihren Kopf mit seinen harten Händen … ach, seine Finger waren scharf! Sie verwundeten die feine Stirn der Unglücklichen. Ein Tropfen ihres Bluts rann die Stirn hinab und vermischte sich mit den Tränen ihrer Augen. Eine dieser Tränen fiel von ihren Wimpern herab, als sie seufzend, verlöschend ihre Sonnen wieder schloss. Diese Träne der Schönheit fiel durch den unendlichen Raum – Blut bildete das Untere darin, aber Tränenwasser das Obere. Das niedere Wesen, das Blut dieser Träne, war schwer und wollte abwärts. Aber das klare; schöne Wasser, der erlöschenden Schönheit Letztes, der übrige Inhalt der Träne war leicht, wollte zum Auge empor, zu seinem Ursprung zurück. Darum blieb die Träne der Astarte[1] – so hieß die verfolgte himmlische Nymphe -, darum blieb Astartes Träne im Raume schweben und schwebt dort noch.

Diese Träne ist die Welt, in der du wohnst, mein Freund!”

***

aus

Reclam Leipzig 1984 (PhR 961)


[1] Astarte – Ast¶rte, im AT Aschtoret genannte kanaanäische Fruchtbarkeitsgöttin; in der spätantiken Welt als Mylitta die Herrin orgiast. Kulte / Ast¶r|te (altsemit. Liebes- u. Fruchtbarkeitsgöttin)

TRAUMWALD

Heut nacht durchschritt ich einen Wald im Traum

Er war voll Grauen Nach dem Alphabet

Mit leeren Augen die kein Blick versteht

Standen die Tiere zwischen Baum und Baum

Vom Frost in Stein gehaun Aus dem Spalier

Der Fichten mir entgegen durch den Schnee

Trat klirrend träum ich seh ich was ich seh

Ein Kind in Rüstung Harnisch und Visier

Im Arm die Lanze Deren Spitze blinkt

Im Fichtendunkel das die Sonne trinkt

Die letzte Tagesspur ein goldner Strich

Hinter dem Traumwald der zum Sterben winkt

Und in dem Lidschlag zwischen Stoß und Stich

Sah mein Gesicht mich an: das Kind war ich

Heiner Müller  1994

Blaues Heft Nr. 10

Es war einmal ein rothaariger Mann, der hatte keine

Augen und keine Ohren. Haare hatte er auch nicht,

Rotfuchs wurde er also nur so genannt.

Sprechen konnte er nicht, denn er hatte keinen

Mund. Eine Nase hatte er auch nicht.

Er hatte nicht einmal Arme und Beine. Und er hatte

keinen Bauch, und er hatte keinen Rücken, und er hatte

kein Rückgrat, und Eingeweide hatte er auch nicht. Er

hatte überhaupt nichts! Unbegreiflich daher, von wem

die Rede ist.

Wir sollten lieber nicht mehr von ihm sprechen.

(Daniil Charms – 7.Januar 1937)